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Neue Nutzung
Es ist nicht gesagt, daß es besser wird, wenn es anders wird. Wenn es aber besser werden soll, muß es anders werden.
Georg Christoph Lichtenberg, deutscher Schriftsteller (1742-1799)
Im Jahr 2009 feiert Thüringen die 90jährige Gründung des Staatlichen Bauhauses. Das Jubiläum ist untrennbar mit dem Namen Henry van de Velde (1863 - 1957) verbunden, an dessen 50. Todestag man sich im vergangenen Jahr auch in Weimar erinnerte. Der Maler, Architekt, Designer und Pädagoge gilt heute als einer der Wegbereiter der Moderne. Seine Bauten charakterisieren die Verschmelzung von funktionellen, ästhetischen und dekorativen Elementen. Seine Intentionen waren wesentlich mitbestimmend für die Bestrebungen des „Neuen Weimar“, schwärmt Renate Müller- Krumbach, die ehemalige Direktorin der Museen der Stiftung Weimarer Klassik, im Lexikon zur Stadtgeschichte: 1902 gründete van de Velde in „Ilm-Athen“ das „Kunstgewerbliche Seminar“, das sich schnell zur Kunstgewerbeschule mauserte, die der Architekt und Designer Walter Gropius (1883 - 1969) später zum legendären „Bauhaus“ weiterentwickelte.
Der geniale belgische Tausendsassa hat viele Spuren in der Thüringer Kulturmetropole hinterlassen: Er entwarf das Interieur des Nietzsche-Archivs und das nicht realisierte Dumont-Theater, baute sein Wohnhaus und mehrere Villen in Weimar. Vor allem aber erschuf er von 1904 bis 1911 in mehreren Etappen das berühmte und mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Ensemble der Weimarer Kunstschulbauten, der heutigen Bauhaus-Universität.
Wer mit offenen Augen durch die beschauliche Kulturmetropole an der Ilm schlendert, wird allein hier insgesamt acht Bauten finden, die der Meister des Gesamtkunstwerkes in Weimar geschaffen hat. Alle sind bereits wieder in originalem Zustand zugänglich oder werden gerade restauriert. Wie zum Beispiel die Villa Dürckheim, die mit neuer Nutzung als Wohn- und Arbeitshaus nach fast 80 Jahren der exklusiven Nutzung und der damit verbundenen Geschlossenheit des Gebäudes 2007 einige der historischen Räumlichkeiten des ehemaligen Palais wieder geöffnet hat. Ganz im Sinne der ursprünglichen Nutzung durch die Familie Dürckheim sei dieser Teil des Hauses für verschiedenste gesellschaftliche Anlässe, Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Präsentationen, aber auch Fachtagungen und Seminarveranstaltungen vorgesehen, erläutert Peter Ottmann.
Der Münchner Architekt, der mit dem Berufskollegen Stephan Dietrich die Villa im Jahr 2006 vom Energieriesen Vattenfall erwarb, gibt sich zuversichtlich, „daß das Herrenzimmer für die Nutzer der Büro- und Atelierflächen im gesamten Haus als repräsentatives Besprechungszimmer nutzbar ist.“ Für größere Veranstaltungen seien das Herrenzimmer und der opulente Salon, über den man die Terrasse zum Garten erreicht, hervorragend geeignet. Für kleine Seminare und Präsentationen bis zu 18 Personen eigneten sich das Speisezimmer und das ehemalige Zimmer der Dame. Für Fachtagungen, größere Seminare oder intensive Klausurtagungen für bis zu 60 Personen ließen sich dann alle vier Räume und der Austritt ins Freie miteinander kombinieren.
Die insgesamt 2500 Quadratmeter Nutz- und Nebenflächen des Palais könnten an die individuellen Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer angepasst werden. So stünden noch Räume für freiberufliche Bürogemeinschaften sowie für Arbeits- und Atelierwohnungen zwischen 50 und 350 Quadratmetern zur Verfügung. Ein Großteil sei aber bereits vergeben: Unter anderem zog Ende 2007 die Werbeagentur von Dagmar Alberti, die 1993 zur Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet wurde, in das neue Domizil.
Dabei ist die Geschichte kaum eines Weimarer Hauses wechselvoller als jene der Cranachstraße 47: Im Jahr 1913 als hochherrschaftliche Adelsvilla für die Familie von Graf Dürckheim in peripherer Lage zum historischen Stadtzentrum gebaut, beherbergte sie später Büros der Elektrizitätswerke.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Sowjetarmee das großzügig gebaute Wohnhaus, von 1968 bis zur politischen Wende diente das Palais der Staatssicherheit als Quartier, dann erneut dem Energieversorger. Zuletzt stand das Gebäude acht Jahre lang leer. „Es ist eigenartig, daß die Stadt dieses einmalige Gebäude bisher nicht wahrgenommen hat“, staunte Kuratorin Heike Hanada, die im Frühjahr 2007 die vielbeachtete Ausstellung „Wohnutopien versus Überwachungsstrategien“ im Vorfeld der Villen-Umnutzung mit organisierte.
Immerhin traf sich hier vor dem Ersten Weltkrieg der sogenannte „I-Kreis“, um über Kunst und Gesellschaft zu debattieren, hat Ottmann recherchiert. Das „I“ stand dabei für Intelligenz. Interessant: Die Dürckheims führten damals einen der offensten Salons von Weimar – Honoratioren der Stadt zählten ebenso zu den häufigen Gästen wie die Lehrer und Schüler des Bauhauses. Überliefert ist aber auch die Anekdote, daß der damalige Besitzer den Künstler mit seinen Hirschgeweihen an den Wänden – in der von van der Velde so „edelschlicht“ inszenierten Ausstattung – „tierisch“ geärgert habe. In den hiesigen Analen kann man nachlesen, daß die Villa 1928 von den städtischen Energiewerken 1928 übernommen und in den 1930er Jahren dann zum Bürogebäude erweitert und umgebaut wurde.
Zu DDR-Zeiten sprach man meist nur mit Unbehagen von dem Objekt in der Cranachstraße 47: So agierten 1989 in den exakt 37 Dienstzimmern der Weimarer Stasi-Zentrale immerhin 74 Mitarbeiter. Nach Erfurt und dem Grenzkreis Eisenach handelte es sich um die drittgrößte Kreisniederlassung von Erich Mielkes Firma „Horch & Guck“ im damaligen Bezirk Erfurt. Getreu ihrem Zuträgermotto „Genossen, wir müssen alles wissen“, wurde der Begriff „Cranachstraße“ für die Bevölkerung zum Synonym für Staatssicherheit und Beobachtung.
Mit der heutigen Nutzung als Wohn- und Arbeitshaus werde jedoch wieder an die ursprüngliche Funktion der Villa angeknüpft, freut sich Peter Ottmann. Trotz der teilweise erheblichen baulichen Eingriffe, sei die Aura dieses Ortes immer noch zu spüren. Die von dem belgischen Kreateur Henry van de Velde geplanten repräsentativen Räume im Erdgeschoß bleiben dem interessiertem Publikum erhalten und sollen unter anderem für Ausstellungen und Konzerte offenstehen. Bis zum 17. Februar 2008 wird im Salon des ehemaligen Palais Dürckheim die Ausstellung „Zeichnungen und Skulpturen“ von Georg Thumbach gezeigt.
Titelfoto + Text: ANDREAS KÜHN
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