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Neue Wache
„Besser, es wird einem nichts gestohlen. Dann hat man wenigstens keine Scherereien mit der Polizei.“ Karl Kraus, österreichischer Schriftsteller
Weimars Polizei ist von der Carl-von-Ossietzky-Straße zum Kirschberg gezogen. Mit einem „lachenden und einem weinenden Auge“ dürften sowohl die Einwohner wie auch die Angestellten auf diese Meldung reagiert haben, wurde doch das Areal des zuletzt als Psychiatrie genutzten Krankenhauskomplexes im Stadtzentrum dafür komplett umgekrempelt. Immerhin standen die Gebäude an der Ecke Friedens-, Friedrich-Ebert- und Eduard-Rosenthal-Straße über acht Jahre leer, bis Ende 2006 die Bagger anrollten und den Schandfleck gegenüber dem neuen Einkaufszentrum Atrium beseitigten.
Für insgesamt acht Millionen Euro ließ die Firma Allobjekt Denkmalsanierungen den Altbau an der Friedensstraße sanieren und einen Neubau an der Eduard-Rosenthal-Straße mit überdachtem Innenhof und Garagen für die 50 Einsatzfahrzeuge errichten.
Der Polizei-Neubau sei nämlich das erste Projekt nennenswerter Größe in Weimar, das in sogenannter öffentlich-privater Partnerschaft entsteht, informiert Klaus Prokop. Der Allobjekt-Chef erläutert zudem, daß das Schlagwort für diese Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und privater Wirtschaft in Fachkreisen „Public Private Partnerships“ (PPP) heißt und nicht wirklich neu sei: In Großbritannien konnte seit den frühen 1990er Jahren durch PPP der öffentliche Investitionsstau abgebaut und die Baukonjunktur angekurbelt werden. Heute würden dort bereits 20 Prozent des öffentlichen Investitionsvolumens privatwirtschaftlich abgewickelt. Das geschätzte Gesamtinvestitionsvolumen in Deutschland betrage nach Schätzungen von Branchenkennern bis zu 700 Milliarden Euro.
Speziell in „Ilm-Athen“ werde das Modell einer öffentlich-privaten Kooperation seit Jahren auch für die Sanierung der Schulen diskutiert. Bei der Polizei wurde es jetzt Wirklichkeit: Der Freistaat mietet das neue funktionale Gebäudeensemble, das im Karree errichtet wurde, langfristig an, mindestens für 25 Jahre.
Die 2200 Quadratmeter Nutzfläche bieten neben den Büros für die 150 Polizisten, einer Einsatzzentrale, einer Waffen- und einer Asservatenkammer auch vier Arrestzellen sowie einen „Sammelarrest“, in dem auch eine Gruppe Platz finden könne. Eine Fußgängerbrücke verbindet Alt- und Neubau. Sanitär-, Umkleide- und Vernehmungsräume sowie ein vom Empfang getrennter Besucherraum gehören zu den größeren Veränderungen im Vergleich zum Sitz im alten Justizgebäude an der Ecke zur Ernst-Thälmann- Straße, schwärmt Polizeichef Gregor Zeh. Gerade den Empfangsbereich am alten, denkmalgeschützten Standort empfanden viele Bürger als Zumutung, offenbarte man hier bereits sein Anliegen wie auf einem Präsentierteller. Dabei habe das nicht mehr DIN-gemäße Domizil durchaus Stadtgeschichte geschrieben: 1913 bis 1916 wurde das Justizgebäude nach Plänen von dem Großherzoglichen Regierungs- und Baurat Jakob Schrammen (1871-1944) an der damaligen Watzdorfstraße 60 errichtet.
Dem Weimarer Stadtlexikon kann man entnehmen, daß es zunächst das Land- und Amtsgericht sowie die Staatsanwaltschaft und die Thüringer Landeswetterwarte beherbergte. Im repräsentativen Treppenhaus konnten Besucher zudem Plastiken des renommierten Bildhauers Richard Engelmann (1868-1966) bestaunen.
In der Zeit des Nationalsozialismus hatte im Justizgebäude auch das sogenannte Amtsgesundheitsgericht seinen Sitz, das das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ durchsetzte. Im Innenhof befand sich über ein Jahrzehnt die zentrale Hinrichtungsstätte für Thüringen: Zwischen 1933 und 1945 wurde hier 197 Todesurteile registriert. Nach Kriegsende diente das gesamte Areal zunächst der amerikanischen, später der sowjetischen Militärverwaltung als Sitz.
Mit dem jetzigen Auszug der Polizei steht das denkmalgeschützte Haus (unser Titelfoto) zur Hälfte leer. Ursprünglich war geplant, in dem historischen Domizil die 15 Jahre alten Pläne von einem Justizzentrum umzusetzen. Alle in Weimar ansässigen Gerichte, das Amts-, das Verwaltungs-, das Thüringer Oberverwaltungsgericht und der Thüringer Verfassungsgerichtshof, sollten hier konzentriert werden.
Doch für das erst Ende der 1990er Jahre für zwölf Millionen Mark sanierte und erweiterte ehemalige Finanzamtsgebäude an der Jenaer Straße, die 180 Beschäftigten verabschiedeten sich im Frühjahr 2006 in die Saalestadt, fand sich kein anderer Nutzer als das Verwaltungsgericht. Damit scheint die Vision eines echten Justizzentrums auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.
Als kleiner Nebeneffekt sitzt die Stadt Weimar auf dem Gebäude der ehemaligen Engels- beziehungsweise Keßler-Schule an der Kohl-, Ecke Meyer-Straße, das, seitdem die Pläne offenbart wurden, für die Justiz reserviert war. Das Land habe jedoch durch die anderweitige Unterbringung des Verwaltungsgerichtes kein Interesse mehr an dem Bau, heißt es aus Erfurt. Für die Kulturmetropole wird jedoch die Verwertung schwer: Wer will schon neben der Justizvollzugsanstalt residieren?
Das bisherige Polizei-Domizil werde frühestens 2012 saniert, gab mittlerweile der Präsident des Thüringer Oberlandesgerichts, Stefan Kaufmann, bekannt. Die gegebenen Arbeitsbedingungen für die 75 Mitarbeiter des Amtsgerichts gewährleisteten auch in den nächsten Jahren einen normalen Geschäftsablauf, ... Dach, Fenster und Sanitäranlagen seien erneuert, hieß es, alle Arbeitsplätze mit EDV-Technik ausgestattet und vernetzt. Bis zur Sanierung zahlt der Freistaat also lieber Miete für zwei Gerichtsstandorte.
Seit Mitte Februar habe am Kirschberg 1, so die offizielle Anschrift, der Alltag bei der Polizei-Inspektion und der Kripo Einzug gehalten, resümiert Gregor Zeh die ersten Tage am neuen Platz sichtlich zufrieden. Dabei schien es eine Weile sogar, daß ein Discounter das Rennen um die günstige Lage machen würde.
Mit dem neuen Standort sei man endlich bürgernah ins Zentrum der Stadt gerückt, aber man könne auch mit den Einsatzfahrzeugen schneller als bisher ausrücken, um Unfälle aufzunehmen oder Jagd auf Ganoven zu machen, gibt sich der Weimarer Polizeichef zuversichtlich. Genau das bezweifeln aber die Skeptiker des Projektes „Neue Wache“: Immerhin war die schmale ampelgeregelte Ausfahrt zwischen Eduard-Rosenthal- und Friedensstraße schon öfters mitten im Berufsverkehr von großen Lastkraftwagen blockiert, die am Fuße der Friedrich-Ebert-Straße im Stau standen.
Auf jeden Fall hat Gregor Zeh versprochen, daß sich die Weimarer ein Bild von ihrer Polizei machen können. Demnächst soll es einen Tag der offenen Tür am Kirschberg geben. Der Haupteingang befindet sich übrigens gegenüber dem Parkplatz von den Reisebussen, an der verlängerten Friedensstraße.
Titelfoto + Text: ANDREAS KÜHN
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