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Großes Lob
Herzogliches Feiern ist angesagt in Weimar: Drei Jahre nach dem verheerenden Brand in der <a"infos href="http://www.weimar-tourist.de/?id=1475"></a"infos>Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek<//a> wird das historische Bibliotheksgebäude mit einer Festwoche wiedereröffnet. Neben dem eigentlichen Festakt am 24. Oktober werden zwischen 23. und 28. Oktober Konzerte, Ausstellungen und Führungen das Ende des ersten und bedeutendsten Abschnittes der Rettung des Kulturgutes Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek feiern. Die Klassik-Stiftung Weimar wählte mit dem 24. Oktober den Geburtstag der <a"öffnet href="http://www.weimar-tourist.de/?id=932"></a"öffnet>Namenspatronin<//a> als Tag der Wiedereröffnung des aufwendig restaurierten Hauses. In den über 1000 Tagen nach dem Brand im September 2004 wurde intensiv an der Behebung des Schadens gearbeitet – in Weimar, in anderen Städten und von internationalen Experten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – die Herzogin würde wohl zur Feier des Tages lächeln.
Während der Schaden am Gebäude mit den heutigen technologischen Möglichkeiten durchaus reparabel war, sah es beim stark beschädigten Buch- und Kunstbestand schon anders aus. „Daß die Restaurierung der Bücher in den letzten drei Jahren so weit vorangekommen ist, ist für mich angesichts der außerordentlich komplexen Schadenslage und der Methoden, die zum Teil noch zu entwickeln waren, ein Mirakel“, gesteht Dr. Michael Knoche, Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (HAAB). „Für die Restaurierung der Papiereinbände – Kleister- und Marmorpapiere des 18. und 19. Jahrhunderts – lassen wir in größeren Mengen eigene Papiere aus Baumwollhadern herstellen, bei denen Stärke und Farbton des Papiers, Fasermahlung und Fasermischung exakt auf unsere Vorlagen abgestimmt sind.“ Großes Lob zollt Knoche den Restauratoren, die erfindungs- und kenntnisreich tätig waren, und den Bibliothekarskollegen, die sich als wahre Organisationsgenies erwiesen haben! Er ist zuversichtlich, alle beschädigten Bücher, deren Bearbeitung überhaupt realistisch ist, bis 2015 restaurieren zu können.
Mit der Erstversorgung der beschädigten Bücher war das Zentrum für Bucherhaltung (ZFB) Leipzig beauftragt. Im Oktober 2007 werden alle Bände – rund 42 Tonnen – aus Leipzig nach Weimar zurückgekehrt sein. Für Dr. Manfred Anders, Geschäftsführer des ZFB, war diese quantitativ und qualitativ in völlig neuen Dimensionen gestellte Aufgabe rundum positiv. „Wir konnten unsere bisher nur auf dem Papier ausgewiesenen logistischen Potenzen bei der schnellen Bewältigung der Büchermengen in der Praxis belegen und gleichzeitig unsere wissenschaftlich-technologischen Potenzen nicht nur im Einsatz beweisen, sondern sie aufgrund neuer und wesentlich größerer Schadensbilder weiterentwickeln.“ Nicht zuletzt deshalb wird das ZFB auch über die „erste Hilfe“ für die Bücher hinaus in der nun folgenden Restaurierung ein wichtiger Partner. Demnächst werden hier die ersten über den Einband hinaus an den Rändern verbrannten Papiere restauriert, alle die, deren Seiten zwar angekohlt sind, deren Satzspiegel (d.h. die Textfläche auf der Seite) jedoch erhalten ist.
Rund 120.000 Bücher, Handschriften und Grafiken mit Wasser-, Hitze- und Brandschäden waren im September 2004 im Rahmen der „Erstversorgung“ im ZFB Leipzig vorläufig gesichert und für nachfolgende konservatorische und restauratorische Maßnahmen vorbereitet worden. Inzwischen ist – bis auf 20.000 schwerstgeschädigte „Aschebücher“ – der Großteil der Bücher nach der Gefriertrocknung wieder nach Weimar zurückgekehrt. 70.000 Bände mit leichteren mechanischen Schäden konnten nach intensiven Reinigungsmaßnahmen und kleineren Reparaturen vor Ort wieder in den allgemeinen Magazinbestand eingegliedert werden.
Die Gesamtkosten für die Restaurierung der geschädigten Bücher werden auf 20 Millionen Euro geschätzt. Davon wurden bis Ende 2006 für Bergung, Gefriertrocknung, Sondermagazin, Personal, Forschungsprojekte und Tagungen 3,7 Millionen Euro ausgegeben. Für den Wiederaufbau des Buchbestandes sind 10,2 Millionen Euro an Spenden sowie sieben Millionen Euro an öffentlichen Mitteln von Land und Bund eingegangen bzw. wurden zugesagt. Die Vodafone-Stiftung Deutschland stellt über fünf Jahre verteilt insgesamt fünf Millionen Euro zur Restaurierung beschädigter Bücher zur Verfügung.
Die größten Problemfälle sind die sogenannten „Aschebücher“. Für die meisten der inzwischen im Sondermagazin Carlsmühle gelagerten Bücher wird es keine Rettung geben. „Der Aufwand wäre unverhältnismäßig groß“, konstatiert Manfred Anders resignierend. Deshalb bemüht sich die Bibliothek seit dem Brand neben den Restaurierungsarbeiten auch um antiquarische Ersatzbeschaffungen. „Dabei sollen diejenigen Werke in einem möglichst entsprechenden Exemplar erworben werden, die vollständig verbrannt sind oder für die eine Restaurierung mit angemessenem Aufwand nicht mehr möglich ist. Auch adäquate Ergänzungen des dezimierten Altbestands werden dabei realisiert. Insgesamt sind wir in den vergangenen drei Jahren wieder um 11.000 Bände des historischen Buchbestands reicher geworden. Davon sind 3000 Bände punktgenaue Ersatzexemplare für verbrannte Bücher. Trotz aller Bemühungen wird auch auf lange Sicht nur ein Teil der Verluste ersetzt werden können – sofern überhaupt von Ersatz die Rede sein kann: Zum Beispiel konnte der verlorene Druck von Johann Gottfried Walthers Musicalischem Lexicon – erschienen 1732 in Leipzig bei Wolffgang Deer – wiederbeschafft werden, aber das verbrannte Exemplar enthielt eine handschriftliche Widmung des Verfassers an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar-Eisenach und ist insofern nur vom Text her gleichwertig“, resümiert Bibliothekschef Dr. Knoche.
Wenn Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach im Oktober anno 2007 das ursprünglich als Wohnschloß inmitten einer Parkanlage errichtete und im 18. Jahrhundert in ihrem Auftrag umgebaute Gebäude betritt, wird sie sich fremd und zu Hause zugleich fühlen. Das Gebäude trägt statt des gewohnten Weißes ein dezentes Rosa – wie um 1850. Das Entree ist großzügiger, über dem Renaissance-Saal prunkt der berühmte Rokoko-Saal über drei Geschosse in einem Lichtblau. Die Geländer der Galerien und die Kanten der Bücherregale sind verziert mit goldenem Schlagmetall.
Mit der Öffnung des historischen Gebäudes für den regulären Besucherverkehr kann der Besucher nicht nur den Rokoko-Saal erleben, sondern auch den Renaissance-Saal im Erdgeschoß mit einer wechselnden Buchausstellung und ein neueingerichtetes Kunstkabinett mit Museumsstücken, das an die Epoche der mit der Bibliothek verbundenen Kunstkammer erinnert. „Das Besichtigungsprogramm wird mit gedruckten Informationen, Videofilmen und einer Audioguide-Führung unterstützt“, verrät Michael Knoche. Es sei auch deshalb viel attraktiver als früher, weil die Besucher in den Rokoko-Saal hineingehen können und nicht mehr durch eine Glasabtrennung daran gehindert werden. Wissenschaftler haben die Möglichkeit, in einem neueingerichteten Sonderlesesaal auf der zweiten Galerie in einer einzigartigen Atmosphäre die wertvollsten Bestände der Bibliothek zu studieren: Handschriften, Inkunabeln, Landkarten usw. Die erste Anlaufstelle für alle Benutzer bleibt das Studienzentrum.
Mehr als elf Millionen Euro flossen in die Sanierung des Bibliotheksgebäudes – und trotzdem würde auch die Herzogin erschrecken vor den noch zu sehenden Folgen der Brandkatastrophe. Nicht, weil man nicht konnte, sondern weil man es so wollte, ist auf der oberen Galerie eine Wunde geblieben. Der dort eingerichtete Leseraum für die Prachtbände ist nur nach unten schön, an der Außenseite erinnert das verkohlte Holz als Mahnung. Mitten in der modernen, nutzerfreundlichen Bibliothek, die eine Hochdruck-Sprühnebelanlage besitzt – für den Fall der Fälle.
Aus der Katastrophe erwuchs trotz wohl unwiederbringlicher Verluste ein neues altes Kulturgut – mit modernsten Technologien wichtiges Erbe bewahrend. Nicht zuletzt deshalb auch wird Bundespräsident Horst Köhler am 24. Oktober der Herzogin seine Aufwartung machen und sich die Ehre geben, das Haus wiederzueröffnen.
FRANK FRIEDRICH
Titelfoto: ANDREAS KÜHN
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