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 „Grüezi wohl, Weimar“

„Schiller behauptete, der Mensch müsse können, was er wolle, und
nach dieser Manier verfuhr er. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Schiller
stellte sich die Aufgabe, den Tell zu schreiben. Er fing damit an, alle
Wände seines Zimmers mit so viel Spezialkarten der Schweiz zu bekleben,
als er auftreiben konnte. Nun las er Schweizer Reisebeschreibungen,
bis er mit Weg und Stegen des Schauplatzes des Schweizer
Aufstandes auf das genaueste bekannt war. Dabei studierte er die
Geschichte der Schweiz; und nachdem er alles Material zusammengebracht
hatte, setzte er sich über die Arbeit, buchstäblich genommen
stand er nicht eher vom Platze auf, bis der Tell fertig war.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Ohne Schiller, dessen „Wilhelm Tell“ erstmals 1804 unter der Regie Goethes in fünf Akten auf die Weimarer Hoftheaterbühne kam, wüßten die Eidgenossen wahrscheinlich nicht allzuviel von ihrem tapferen Bauern und treffsicheren Schützen – und von Weimar, lästerten zuletzt im Vorfeld des Schillerjahres 2005 einige Thüringer Feuilletonisten. Dabei feiern die für ihre Neutralität bekannten Alpenbewohner Friedrich Schillers Tell seit dem 19. Jahrhundert als das Nationalstück und „das höchste Geschenk Deutschlands an die Schweiz“. Die Verbundenheit zum Weimarer Schöpfer bezeugen rund um den Vierwaldstättersee neben zahlreichen Gaststätten mit Schillers Namen unter anderem seit 1859 der „Schillerstein“ beim legendären Rütli, seit 1906 das Dampfschiff „Schiller“ mit Weimarer Flagge (!) oder seit 1925 das Tellspielhaus in Altdorf.

Jetzt drehen die stolzen Eidgenossen den Spieß endlich einmal um: Seit Anfang März heißt es am geschichtsträchtigen Frauenplan „Grüezi wohl, Weimar!“ Nach fast zwei Jahren der Ungewißheit, was mit dem ehemaligen „Schaller-Hof“ passieren werde, wirbt jetzt die renommierte Schweizer Restaurantkette „Mövenpick“ mit kulinarischen Finessen wie Sülzchen von gesottenen Kalbsbäcken, Beefsteak Tatar, Kalbsragout mit Schinkenspeck in Kerbel-Sahne-Sauce, Koteletts vom Spanferkelrücken am Schwarzbier-Ingwer-Schaum mit Röstkartoffeln und Speckbohnen, ... um die Gunst der Weimarer und ihrer Gäste.

Wie der Zufall es wollte, haben die Räumlichkeiten am Frauenplan größenmäßig durchaus Parallelen mit dem Züricher „Claridenhof“, in dem der Schweizer Hotelierssohn Ueli Prager vor 60 Jahren den Grundstein für das heute weltweit agierende Unternehmen mit inzwischen rund 16.600 Mitarbeitern legte.

1948 staunte nämlich die Schweizer Gastronomieszene nicht schlecht: Prager bot erschwingliche kulinarische Köstlichkeiten für Stadtmenschen mit wenig Zeit. Eine Möwe, die im Flug einen Happen aufpickt, gab dem Restaurant den Namen, wobei das w in Möwe einem v weichen mußte, weil sich dieses besser als stilisierter fliegender Vogel darstellen ließ.

Pragers Konzept der schnellen und qualitativ hochwertigen Verpflegung machte in der ganzen Schweiz Schule: Weitere Lokale wurden in Bern, Genf, Lugano und Zürich eröffnet. 1960 erfolgte die Gründung einer eigenen Einkaufs- und Importgesellschaft sowie einer zentralen Produktionsstätte. Als Fastfood- und Take-Away-Restaurant nach amerikanischem Vorbild wurde 1962 in Zürich die „Silberkugel“-Kette eröffnet. Fast gleichzeitig brachte Mövenpick seinen ersten Markenartikel auf den Markt: „Der Himmlische“ wurde inzwischen zum Begriff für Kaffeetrinker und gilt im Unternehmen als das erste in einer ganzen Reihe von Premium-Produkten. 1963 wagte Prager den Schritt über die Grenze nach Deutschland und eröffnete ein Restaurant in München. 1970 entstanden die ersten Weinkeller in der Schweiz und Deutschland. Anfang der 1970er Jahre eröffnete die Firma ihre ersten beiden Hotels.

Das Weimarer Restaurant gegenüber dem weltweit bekannten Goethehaus könne man zum 60jährigen runden Firmenjubiläum - neben den Schlossweinstuben in Heidelberg - durchaus als Art Reminiszenz sehen, freut sich Dietmar Althof auf die Thüringer Kulturmetropole und ihre Touristen. Zwar seien die Restaurants mit der Möwe im Logo im Osten Deutschlands noch rar, aber das ändere sich allmählich, informiert der Chef der deutschen Mövenpick-Betriebe. So sei Weimar nach Potsdam und Leipzig, aber noch vor Dresden, immerhin schon der dritte Standort hierzulande unter dem bekannten Label. Dabei stehe der Markenname für gehobene Hotellerie und Gastronomie sowie für kompromisslose Frische und Vielfalt der Produkte: „Ganz bewußt wird in unseren Restaurants auf Zusätze wie Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe verzichtet“, wirbt Althof für seine Küche. „Hier stehen gesunde Ernährung und Transparenz im Vordergrund. Dabei werden unsere Produkte vorzugsweise von regionalen Lieferanten täglich frisch angeliefert.“

Das ehemalige Bernstorffsche Palais, heute besser bekannt als Schallerscher Erbenhof, hat übrigens Stadtgeschichte geschrieben: Ein einflügeliger Vorgängerbau ist bereits im Wolfschen Stadtplan von 1569 verzeichnet. Die barocke Dreiflügel-Hofanlage werde der Zeit um 1710 zugeordnet, in der auch das Goethehaus am Frauenplan errichtet wurde. Die westlich anschließende Gartenanlage des stattlichen Palais reichte ursprünglich bis zur Schützengasse.

Am 9. Februar 1945 beschädigte eine alliierte Fliegerbombe die südöstliche Gebäudeecke. Zu dieser Zeit betrieb Paul Schaller am Frauenplan einen florierenden Holz- und Kohlehandel. Bekannt ist, daß 1948, als durch den Abriß der Ruine auf dem Frauenplan die Sicht auf das Goethehaus frei wurde, die Erbengemeinschaft vom Rat der Stadt aufgefordert wurde, die Fassade neu zu verputzen. Ab 1972 wurde das historische Areal von der DDR-Handelsorganisation (HO) als Fuhrpark genutzt.

Für über sechs Millionen Euro, unter Erhaltung historischer Elemente umfangreich saniert, öffnete der Schallersche Erbenhof am 1. Mai 2003 mit 49 Hotelzimmern, eigener Tiefgarage und gutbürgerlicher Gastronomie.

Mövenpick-Urgestein Dietmar Althof war bei einem Besuch in „Ilm-Athen“ vom historischen Areal am Frauenplan sehr angetan. Nach vierzig Jahren im Restaurantgeschäft habe er ein feines Gespür dafür entwickelt, wo, wann und wie was gegessen wird: „Ohne Terrassen geht heute gar nichts mehr.“ Dementsprechend trotzte der souveräne Regionaldirektor der Stadtverwaltung einen ebenso repräsentativen wie großzügig bespielbaren Open-air-Bereich ab. So werde das neue Restaurant im Inneren des ehemaligen Bernstoffpalais alles in allem 160 Plätze vorhalten und weitere 160 in der Brauhausgasse, unter der Pergola am Frauenplan und im Innenhof. Damit stehe das gastliche Haus auch für Familienfeiern und Firmenfeste zur Verfügung.

14 Leute aus der Stadt und der umliegenden Region, einschließlich der Azubis, werden für das kulinarische Palais arbeiten, berichtet Dietmar Althof. Im Sommer bei Bedarf noch mehr. Mit seinen fast 32 Jahren sei Küchenchef Sven Anlauf sozusagen der Hausälteste. Der verheiratete Weimarer habe seine Sporen unter anderem im Geraer Interhotel, in Winterthur, der sechstgrößten Stadt in der Schweiz, und in Chemnitz verdient. Mit Rohstoffen aus der Region wolle der hiesige Gourmet-Chefkoch in einer schnörkellosen Küche den Bogen vom Sauerbraten mit Thüringer Kloß bis zum Schweizer Rösti spannen.

Text + Titelfoto: ANDREAS KÜHN

Anmerkung: Leider wurde das Mövenpick-Restaurant 2009 geschlossen. Seit Aprill 2011 haben Weimarer Geschäftsleute ein Restaurant unter dem Namen "Erbenhof" eröffnet.

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